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Freitag, 24. Mai 2013

Fluorid in Zahnpasta, Salz, Trinkwasser - wiewasworarum?

Sicher einst gehört - "Fluoride sind böse!". Äh nein, "Fluor ist böse!". Das Fluorid in Zahnpasten, Trinkwasser, Salz und so weiter wird verteufelt, von anderen wiederum geliebt. Eine Glaubensfrage? Ich sage nein.

Vorneweg: Der Unterschied zwischen Fluorid und Fluor

Fluor ist das Element. Elementares Fluor tritt als Dimer "F2" auf und ist ein Gas. Dieses Gas wird zurecht als Wiesen- und Schnee-Chemikalie bezeichnet, denn sie reagiert sowohl mit Wiese als auch mit Schnee unter Brandbildung. Ich sah Videos, in denen Fluorgas auf Backsteine und (totes) Hühnchen geleitet wurde und beide anfingen zu brennen, sehr eindrucksvoll.
Da Fluor das elektronegativste Element im Periodensystem ist, legt es eine starke Aggressivität an den Tag. In der Verbindung als Fluorgas ist es besonders "unglücklich" und reaktiv. IMMER, wenn von "Fluor" die Rede ist, ist entweder schematisch das Element ohne Stoffzusammenhang oder dieses Gas gemeint. Immer.

Fluorid ist das anionische Element Fluor, das ein Elektron zu viel in der Schale hat und damit die Edelgaskonfiguration einnimmt. Edelgase sind die Gewinner, sie sind tiefenentspanntr und glücklich. Das will jedes Element werden. Fluorid ist demnach lange nicht so aggressiv wie Fluorgas, es setzt keine anderen Dinge in Brand und man kann es anfassen, ohne Angst haben zu müssen. Natürlich ist Fluorid nicht alleine möglich, es braucht immer ein Kation, um seine Ladung auszugleichen wie bsp Natriumkationen. Das Salz "Natriumfluorid" ist farblos, kristallin, unauffällig, löst sich in Wasser und ist eigentlich langweilig. Eigentlich...

Es bildet in Säure nämlich nach einiger Zeit kleine Mengen von Flusssäure "HF" und die sind nicht so toll... ungesund, ätzend und knochenschädigend.



Jetzt aber Fluorid in Zahnpasta


 photo fluorid-pasta1_zps723bb3ea.jpg

Es gibt drei Arten von Fluoriden in Zahnpasta:
Natriumfluorid (z.b. in Sante und in den meisten anderen Pasten)
Ammoniumfluorid (z.b. Elmex)
kein Fluorid (z.b. Ajona, eine Sonderform der Sante Zahncreme und einige andere)

Ammoniumfluorid soll leichter löslich und damit stärker in der Wirkung sein.

Unsere Zähne bestehen aus Apathit, das ist ein Mineral, so wie Stein. Geologen würden mich jetzt schlagen, aber der Vergleich mit Stein ist gar nicht mal so schlecht. Es sind eine Reihe von Elementen (Calcium, Sauerstoff, Phosphor, ...), die in einer mehr oder wenig regelmäßigen Anordnung ein Gebilde bilden. Die Summenformel dafür ist:

Ca5[(F,Cl,OH)|(PO4)3]

Wir betrachten nur das (F, Cl, OH), denn normale Zähne beinhalten hier nur OH, also Hydroxigruppen. Durch die Einwirkung von Fluoriden wird die Hydroxigruppe durch Fluorid getauscht, was natürlich nur die Oberfläche betrifft. Das Fluorid wird also direkt in unseren Körper eingebaut, aber nur auf der Oberfläche des Zahns, da wo wir es aufbringen.

Sehr aktuell gibt es dazu einen wissenschaftlichen Artikel
http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/la4008558

Der kann leider nur mit Zugang aufgerufen werden und ist in der typischen Wissenschaftssprache verfasst, die relativ anstrengend zu lesen ist. Aber es gibt auch Bemühungen durch echte Chemiker, diesen ein wenig umfassender zu beschreiben:

http://www.organische-chemie.ch/chemie/2013/apr/fluorid.shtm

Natürlich gibt es auch zig Versuche von Journalisten, die in Chemie geschlafen haben, diesen Artikel vorzustellen. Das kann ich nicht empfehlen.

Zusammenfassend geht es darum, dass die Bakterien nicht nur Probleme haben, den Zahnschmelz in seiner fluorierten Form durchzusäuern, sondern auch Probleme bekommen, sich überhaupt anzuheften, wenn die Oberfläche fluoriert ist. Doppelter Schutz!

Und auch Stiftung Warentest verteilte schamlos 6en an Zahnpasten, die kein Fluorid enthielten. So auch an Ajona, die best schmeckendste Zahnpasta, die ich je fand. Das war mir natürlich klar. Aber es ist wie mit der Schokolade: Sie macht uns nicht besser, aber sie schmeckt dennoch super.



Warum Fluorid einen schlechten Ruf hat

Das hörte sich jetzt alles positiv und toll an, was sagen also die Fluoridgegner?

Die Gegner sind meistens auch gegen Fluorid in Zahnpasta. So weit gehe ich nicht, für mich überwiegt der Nutzen, aber ich habe auch entschieden etwas gegen Fluorid in Trinkwasser (wie in einigen Ländern üblich) und Salz. Das Problem ist hier das gleiche wie die Wirkungsweise auf dem Zahn, nur dass es sich hier nicht um die Oberfläche von Zähnen, sondern um den Innenaufbau von Knochen handelt, besonders bei heranwachsenden Kindern. Es kommt zu Verhärtungen, schweren Knochenregionen, Schwächungen der Zähne von innen, weiße Flecken, Fehlbildungen. Der Körper kommt an das fluorierte Apatit, aus dem auch die Knochen bestehen, nicht mehr richtig heran und macht Fehler.

Ein Fluorgegner fand sich übrigens schon in einem hervorragenden Film von 1964: "Dr. Seltsam - oder wie ich lernte, die Atombombe zu lieben". Der eine General macht seinem Gegenüber deutlich, dass er die Fluoridierung des Wassers für einen kommunistischen Anschlag halte und trinkt aus Überzeugung nur Regenwasser.

Kommen wir aber noch einmal darauf zurück, was ich eingangs zu Fluoriden in starken Säuren sagte. Es bildet sich Flusssäure. Dabei stellt sich Salzsäure für uns als die wichtigste Säure heraus, das ist nämlich unsere Magensäure und da drin landen Trinkwasser und Speisesalz. Das mag nicht magenfreundlich sein, aber letztendlich wird das Fluorid später im alkalischen Milieu vom Darm resorbiert und gelangt ins Blut, auf dem Weg überall hin.



Sonstiges über das Element Fluor

 Dass Fluor so ein Spitzenreiter in der Elektronegativität ist, führt zu anderen spannenden Tatsachen. Fluor ist ein Element, vor dem man sich gleichermaßen fürchten kann, wie davon fasziniert werden kann.

Teflon - Wenn man ein Polymer (eine laaaange Kette von immer wiederkehrenden Baugruppen) aus -CF2- Steinen aufbaut, erhält man einen Kunststoff, der unglaublich unreaktiv ist und an dem eine Menge abrutscht. Eingangs für die Anreicherung von Uran für Kraftwerke und Bomben entwickelt, fand es seinen Weg in unsere Pfanne und macht dort hervorragende Dienste. Was wären Pfannkuchen und Paniertes ohne Teflon? Ich kann das in altmodischen Pfannen nicht braten, ohne danach ein Schlachtfeld zu haben statt Essen.

Funktionskleidung - Ähnlich dem Teflon finden fluorierte Kunststoffe (als Synthetikstoffe) im Outdoorbereich Anwendung. Sie werden nicht von Würmern zerfressen, sie schimmeln nicht und Bakterien finden diese Stoffe auch uncool.

FCKW - Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe. Ungiftig, tolle Kühlmittel, super Treibgase.

Medikamente - Der Stoffwechsel baut einfach gnadenlos alles ab, egal, ob das sinnvoll ist oder nicht. Recycling ist das Lebensmotto. Und das führt dazu, dass viele Medikamente kaputt sind, bevor sie da ankommen, wo sie hin sollen. An den Andockstellen zum Abbau kann man Fluorgruppen anbauen, dann passen die Stoffe nicht mehr in die Enzyme und bleiben erhalten. Das setzt die eingesetzte Dosis herab und verbessert die Wirkweise.

Diese 4 Kathegorien haben jetzt eines gemeinsam: Sie sind nicht abbaubar. Genau das will man ja erreichen. Aber irgendwann kommt immer der Zeipunkt, wo eine Teflonpfanne kaputt ist und weg muss, wo die Outdoorjacke zerfetzt ist, wo FCKW als schädlich für die Ozonschicht identifiziert wurde und weg muss und wo die Ausscheidungsprodukte mit den Medikamenten irgendwie abgebaut werden müssen.
Ja, das ist ein Problem. Aber heeeey, irgendwo rüber muss man ja seine Doktorarbeit schreiben!
Es gibt Methoden, das abzubauen, sogar selektiv. Aber es wird noch dran gearbeitet.

Und nochwas mega uncooles: Wenn man einen 2€ großen Fleck 40%ige Flusssäure auf ein Körperteil bekommt, muss man schleunigst Calciumlösungspritzen bekommen oder das Körperteil amputiert werden. Ansonsten liegt man in einer Woche im Sarg. Kein Wunder, dass mir schwindelig und schlecht wurde, als ich im Praktikum einmal damit arbeiten musste. Ist aber alles gut gegangen. Bis auf eine Verätzung mit 2%iger Säure, aber ich lebe ja noch. Und ich habe auf Calciumspritzen verzichtet.


Fazit:
Fluorid in Zahnpasta ist sinnvoll, auch weil man Zahnpasta ja ausspuckt. Fluorid in Trinkwasser und Salz sollte man jedoch meiden, da haben die Fluoridgegner schon Recht.

Kommentare:

  1. Ich muss mich mal bei dir bedanken für diese chemischen Beiträge- die sind so super interessant zu lesen! Tausendmal besser als jede Chemiestunde. Nochmals ein großes Dankeschön, ich hoffe du schreibst noch viele solcher Artikel! :)

    Viel Glück!
    Nalu

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  2. Da muss ich Nalu zustimmen.
    Chemie war bei mir immer eines der unbeliebteren Fächer in der Schule, aber so sieht das ganze schon anders aus. Mehr davon! ^-^

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  3. Ich möchte mich auch bei dir bedanken! Das habe ich endlich mal verstanden und weiß jetzt worauf ich achten muss. Ich war schon total verunsichert. Einfach ein klasse Artikel von dir und ich hoffe es werden noch mehr folgen.
    Ganz liebe Grüße!

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  4. Ah, hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, was einige gegen Fluorid haben - jetzt bin ich schlauer, vielen Dank dafür! :) Über mein Fazit bin ich mir noch nicht sicher, vielleicht lese ich noch etwas mehr darüber, aber ich hatte noch nie Probleme mit meiner Zahnpasta bzw. meinen Zähnen - von daher sehe ich zumindest in Zahnpasta-Hinsicht auch keinen Handlungsbedarf :)

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  5. Ich finde es super, dass du die chemischen Begriffe und Begrifflichkeiten etwas "zersetzt". Ok, weil ich recht viel mit Elementen und Periodensystemen zu tun habe sagt mir da ein odas das andere was :)

    Meine Zahnärztin hat letztens einen demineralisierten Zahn entdeckt. Tatsächlich schmerzt der, wenn ich mit kaltem Wasser umspüle. Sie meinte, ich sollte mehr Zahnpasta an die Stelle tun und zusätzlich Mundspülung, also etwas mehr Flourid. Nun stellte ich fest, dass meine Mundspülung auch noch einige Polymerverbindungen hat, bzw. filmbildend ist. Da steht auch drauf, ich darf das nicht schlucken, solls aber nicht ausspülen... ??!! Das ist zum einen sinnvoll, damit sie kein Karies bilden, aber ich habe Angst, so was dauerhaft zu benutzen.
    Macht es auf chemischer Sicht denn Sinn einen "Fast-Karies" mit Flourid und filmbildenen Substanzen in Griff zu kriegen oder macht es eine Folie auf ein sowieso einstürztendes Gebäude?!

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  6. Das war sehr aufschlussreich und gut geschrieben - danke! Ich war nie Gegnerin von Natriumfluorid in Zahnpasta, hatte aber von vehementen Gegnern gehört. Schön zu wissen, dass manche Leute einfach nur halbinformiert Angst verbreiten.

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