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Freitag, 2. September 2011

[Ch] Erdölprodukte a priori schlecht? Eine Gegendarstellung

Ich lese immer wieder "Aber leider sind Erdölprodukte enthalten und die sind schlecht für die Haut" und andere Abwandlungen dieses Satzes mit gleichem Inhalt. Immer das gleiche: Erdöl ist schlecht und Naturkosmetik ist der heilige Gral. Und wenn die Naturkosmetik auch nicht funktioniert, dann ist man halt selber schlecht, nur die Naturkosmetik nicht.

Das ist ein schwarz-weiß-Gedanke, den ich in keinster Weise teilen kann, denn die Realität ist grau. Und Erdöl ist genau so grau wie Naturkosmetik und beide sind so grau wie zickige Haut haben. Dass die Natur nicht nur lieb und nett ist, beweisen diverse Giftstoffe. Eine Zwetschgenkerndiät wird immer tödlich sein, weil zu viel Cyanid enthalten ist, Goldregen naschen ist auch tödlich und englisches Steak essen kann zu Krebs führen.
Der Unterschied ist nur, dass die Erdölprodukte alle einzeln untersucht sein müssen in deutlich größerem Umfang als Naturprodukte, weil diese schließlich natürlich sind. Diese bedürfen auch einer Untersuchung, aber die kann nicht so groß sein, wie die eines rein synthetischen Produkts.

Und dass Erdölprodukte und Naturkosmetik manchmal sogar ein und dieselben sein können und wir nicht in der Lage sind, sie zu unterscheiden, möchte ich mit einem Reaktionsschema zeigen.


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Das bedarf natürlich einer Erläuterung. Die Intention sind der lebendige und der fossile Weg zur Seife aus Palmitinsäure. Das ist eine Fettsäure, die in nahezu allen höher entwickelten Lebewesen als Fett vorkommt. Ein Fett ist Glycerin (dreifacher Alkohol) mit drei Fettsäuren verestert. Verseift man dieses Triclycerid, enthält man schon die Seife, die am Ende steht.

Der Erdölweg ist etwas länger. Es gibt inzwischen so viele Verfahren, dass dies nur einer von zig Wegen ist, zu diesem Ergebnissen zu kommen.

1: Erdöl selber ist eine Mischung aus allen möglichen Dingen, von Erdgas (wird anders abgefangen) über Kohlenwasserstoffe aller Art und Verzweigung bis hin zu Salzen von Nickel, Vanadium, Magnesium, aber auch Heteroaromaten (stinken nach Pisse und/oder Fisch). Die Kohlenwasserstoffe werden abdestilliert, dabei können sie schon einmal vorgetrennt werden. Je kürzer die Kette, desto schneller siedet es. Je mehr ich heize, desto länger werden meine Ketten im Auffangbehälter. Ist alles abdestilliert, bleibt ein komisches Zeug übrig, wo Vanadium, Mangan und andere tolle Metalle heraus extrahiert werden können. Es wird also ganz benutzt ;)

2. Naphtha ist eine Erdölfraktion, meistens sind da mehr die schwererkettigen Dinge drin mit Verzweigungen, die total durcheinander sind. Das Gemisch kommt dann in den Steamcracker (bei der Ineos in Köln wird genau das gemacht), einer komplizierten Anlage, die zu den anspruchsvollsten chemischen Anlagen gehört. Sie hat verschiedene Abschnitte mit verschiedenen Drücken und Temperaturen und kommt bis zu 850 °C hoch. Das extrem heiße Kohlenwasserstoffgemisch wird mit heißem Wasserdampf behandelt und zerschießt, also "crackt" in kleinere Einheiten, vorzugsweise Propen und Ethen. Damit hat man einen entscheidenden Vorteil: Eine reaktive Gruppe. Alkane wie sie aus dem Erdöl kommen, sind absolut abreagiert, da ist nichts spannendes mehr dran. Eine Doppelbindung ist aber gut reaktiv, damit kann man tolle Sachen machen.

3. Jetzt wo wir den Scheiß zerkleinert haben, machen wir ihn wieder lang. Dafür gibt es einen Nickelhaltigen Katalysator in flüssiger Phase und das tolle an diesem Verfahren ist, dass wir gezielt eine Kette aufbauen und keine Verzweigungen erhalten. Damit hat das Chaos ein Ende. Natürlich kommen da verschieden lange Ketten heraus, aber das Verfahren hat mehrere Reaktoren, die die Dinger rekombinieren können, sodass am Ende tatsächlich nur alpha-Pentadeken an einer Stelle herauskommt, wo es abgetrennt wird.

4. Die Hydroformylierung ist ein beliebtes Verfahren, wird auch bei der Oxea in Oberhausen durchgeführt. Man hat dafür einen Rhodiumkatalysator mit organischen Resten dran und setzt Alkene mit Synthesegas und dem Katalysator ein. Synthesegas besteht aus Kohlenmonoxyd und Wasserstoff in bestimmtem Verhältnis. Dadurch kann das C aus dem Kohlenmonoxyd an die Doppelbindung gebaut werden und aus einem Molekül mit 15 C-Atomen werden 16 C-Atome. Aus einem Alken wird ein Aldehyd.

5. Aldehyd sind nicht besonders glückliche Moleküle und lassen sich gerne zu ihren Carbonsäuren oxidieren. Damit hätten wir die Palmitinsäure, welche auch aus Lebewesen extrahierbar ist. Welches ist nun welche Säure? Das ist theoretisch nicht mehr unterscheidbar.

Praktische Unterscheidungen sind dennoch möglich über
a) Rückstandsanalysen, der Erdölweg bringt andere minimengen an Nebenstoffen mit sich als der Lebewesenweg
b) 14-C-Analyse. Wir alle tragen in uns radioaktiven Kohlenstoff, Anhand der Strahlungsstärke kann Rückschluss auf das Alter eines Stoffes gemacht werden. Aktiv lebende Viecher haben einen Austausch und damit die höchste Konzentration, totes Material hat keinen Austausch und da ist schon einiges zerfallen, es strahlt also nicht mehr so stark.

Natürlich ist die Strahlung biologisch gesehen für uns wurscht ;) Zu sagen Erdölkosmetik ist besser, weil sie weniger strahlt, ist zwar theoretisch korrekt, praktisch hat es aber keinen Nutzen, weil die Strahlung viel zu schwach ist.

Der Biologische Wert der beiden Seifen ist vollkommen identisch. Sie macht sauber und besteht aus dem Salz der Palmitinsäure.

Kann Erdölkosmetik also per se nur schlecht sein, wenn sie doch den gleichen Nutzwert und keine faktische Unterscheidung zu Naturkosmetik haben kann?

Meine eigene Meinung zu dem Thema ist übrigens, dass wir aus beidem unsere Vorteile ziehen sollten, statt sie gegeneinander aufzuhetzen. Wir haben beide, also warum sich für eine Seite entscheiden, wenn man beide haben kann und damit doppelten Vorteil?

Kommentare:

  1. weise worte :D mineralöl ist schleeeeeeecht, das nervt echt. genauso wie diese tierschütz-vegan-fanatiker, die keine produkte von marken mit tierversuchen kaufen, sich dann aber in den arsch beißen, weil ihnen die sachen trotzdem gefallen lol opfer ^^
    leute reißen in dieser mineralöl-kontroverse viel zu sehr die klappe auf obwohl sie sich nicht auskennen.

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  2. Super Post, absolut klasse! Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich alles hundertprozentig nachvollziehen kann, aber durch deine tolle Beschreibung der Abläufe (und einem Rest Chemie-Schulwissen, dass ich über die Jahre retten konnte) ist der Prozess auch für Laien sehr verständlich dagestellt! Selten habe ich einen so gut geschriebenen wissenschaftlichen Blogpost gelesen! Weiter so!

    Viele Grüße!
    Ninea

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  3. ich mag deine posts zu den inhaltsstoffen wirklich sehr. da kann man auch als laie noch durchsteigen und versteht mal, worum es genau geht. sonst tue ich mich immer schwer damit, inhaltsstoffe zu be/verurteilen, wenn ich sie nicht kenne. auch wenn andere mir dann sagen "das ist schlecht" aber die begründung fehlt halt.

    bei den tierversuchen geh ich mit nagellackprinzessin nicht mit, ich findes wirklich wichtig und gut und bewundernswert, wenn die leute darauf achten, produkte zu wählen die nicht nur für sie gut sind. ich hätte echt n schlechtes gewissen, wenn ich wüsste, dass tiere leiden, nur weil ich mir irgend n produkt in die fresse schmieren möchte, dass auchnoch DEKO ist. bei lebenswichtigen medikamenten, die nicht künstlich hergestellt werden können kann ichs ja noch verstehen, aber nicht bei so nem 99cent-hokus-pokus. da kann man nun wirklich drauf verzichten.
    ich hätte schließlich auch keinen bock, langsam und schmerzhaft zu erblinden, nur weil irgendjemand sich n mascara auf die wimpern klatschen möchte, der statt 5 euro eben nur 3 kostet.

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  4. DANKE!!!!!!!!!
    Ich habe vorhin einen Post über meine Lieblingsgesichtscreme von Garnier veröffentlich und sehr wenig später bekam ich den Kommentar "Da ist ja Mineral Öl drin baaaah" oder so ähnlich, da denke ich mir nur: das ist wieder mal so typisch! Ich habe es mal irgendwo gelesen und deswegen ist es schlecht. Danke für deiner Erläuterung!

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